"GESCHICHTEN AUS DER EISENBAHNSTRASZE" ALS SCHIZOAKTIVISTISCHE INTERVENTION

Quartal 4 2021

Als man mich um einen kurrzen Textbeitrag zur Dokumenten von “Geschichten aus der Eisenbahnstrasze” gebeten hat, habe ich mich entschieden etwas zu den schizoaktivistischen Implikationen unseres Projekts zu schreiben. Zudem wollte ich die tollen Fotos von Eunjung Hwang, die ja auch im Dokumentationsheft abgedruckt sind, mit einem kleinen theoretischen Beitrag auflockern.

“Geschichten aus der Eisenbahnstrasze” kann sehr gut als schizoaktivistische Intervention im Leipziger Osten betrchtet werden. Um dies kurz zu kontextualisieren: Die Schizoanalyse ist ein antipsychoanalytisches Projekt, welches Deleuze und Guattari in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren entwickeln, und welcghes vielen Akteur:innen weltweit aufgegriffen und weiterentwickelt wird. Deleuze und Guattari reagieren mit der Schizoanalyse auf Jacques Lacan, der die Deutungshoheit über das psychoanalytische Projekt in Frankreich für sich beansprucht. Dies stellen Deleuze und Guattari mit Hilfe der Schizoanalyse in Frage. Lustigerweise entsteht im Umfeld der Schizoanalyse aber auch eine Radiotheorie. 

Félix Guattari und Gilles Deleuze, die beiden Autoren der Hauptwerke des engen schizoanalytischen Kanons, d.h. “Anti-Ödipus” und “Tausend Plateaus”, sind SEHR unterschiedliche Persönlichkeiten. Gilles Deleuze ist ein akademisch ausgebildeter Philosoph und Universitätsprofessor, Félix Guattari ist ein militanter Aktivist und klinisch tätiger Psychoanalyst. Gemeinsam mit Jean Oury leitet er Zeit seines Lebens die experimentelle psychiatrische Klinik “La Borde”. Gemeinsam schreiben Deleuze und Guattari dann aber den “Anti-Ödipus” in Folge der, oder einhergehend mit den gesellschaftlichen Aufruhen von 1968. Sie entwerfen eine Gesellschafstheorie, die Gesellschaft aus den Koordinaten Kapitalismus und Schizophrenie heraus denken will, und formulieren einen fast schon ekstatischen Anspruch auf die Revolution und die Befreiung des Begehrens - aus der Perspektive von Deleuze und Guattari eine pantheistische Kraft und spinozistische Allmaterie bzw- ein vitales Prinzip von dem Alles durchströmt wird. Wie Deleuze und Guattari schreiben produziert der Kapitalismus aus seinen permanenten Prozessen der Vereinnahmung und Übercodierung heraus immer wieder Abspraltungen, die er dann immer wieder erneut inkorpoerieren muss, um weiter existieren zu können und auch, um sich weiter entwicklen zu können. Dieser prozess der Spaltung ist hier zugleich der titelgebende Prozess der Schizophrenie. Ihr schreiben Dleeuze und Guattari zudem eine große ästhetische Wirkmacht zu, die - aus einem therapeutischen Anspruch heraus - freigesetzt werden muss.

Guattari nun denkt insbesondere die freien Radios als schizoanalytisches Projekt.

Im Italien der 70er Jahre entstehen umfangreiche Bemühungen die politische Linke aus einer Politik des Begehrens und der Autonomie heraus neu und anders zu organisieren. Randgruppen sollen sich zu einer zerstreuten, minoritären und molekularen Bewegung zusammen schließen, um so den Staat, den Alltag und das Leben zu revolutionieren. Im Kontext dieser Autonomiebewegung entstehen freie Radiosender, die rasch zum festen Bestandteil der politischen Kämpfe in Italien werden. Inspiriert vom italienischen Radio Alice und vom Radioaktivismus seines italienischen Freundes Franco Berardi initiiert Félix Guattari auch eugene freie RadioprojektE in Frankreich, die er als, wie er kommentiert, Schizoanalyse der Massenmedien denkt.

Im Zentrum des politischen Projekts von Félix Guattari findet sich dabei eine Kritik am Konzept der Subjektivität. Die Subjektivität wird von Guattari vor Allem auf einer verhaltenspolitischen Mikroebene von den Instrumenten gesellschaftlicher Herrschaft, die für ihn die Familie, natürlich der Staat und auch die Massenmedien sind, distribuiert. Den freien Radios der 70er, und 80er Jahre, die in in seinem Bemühen um Radioaktivismus bis nach Brasilien und Tokio führen, sind für Guattari dabei eine Möglichkeit existentielle Operatoren zu streuen, um die Subjektivität der Sendenden und Hören in unüberschaubare Mutationsprozesse zu treiben. Freie Radios sind für Guattari transversale Assemblagen in denen es schon auf der Seite der Sendenden möglich wird klassenübergreifende Verbünde zusammenzuführen, die bereits die Subjektivität der Sendenden im Kern – durch eine Verunsicherung des klassenspezifischen und subjektivierungspolitischen Equilibriums - aufzuschrecken vermögen. Dies ist Transversalität. Guattaris Transversalität zeichnet sich darüber hinaus durch eine hohe Heterogenität der Sprachen, Stile, Musiken und künstlerischen Äußerungsformen aus. Es ist ein Bemühen, welches sich auf der Ebene der Politik, auf der Ebene der Ethik und auf der Ebene der Ästhetik niederschl#ägt. Aus einem avatngardistischen Impetus heraus werden hier Kunst und Leben im Zeitalter der Neo- und Postavantgarden erneut und zugleich anders vereint. Und um all dies auch haben wir uns in unserem Projekt bemüht.

Bereits im schizoanalytischen Radio der 1970er und 1980er Jahre sind HipHop und Rap bevorzugte kulturelle Äußerungsformen sozial benachteiligter Jugendlicher, die in diesem Fall mit experimentellen und freien Radiostationen verknüpft werden. Daher möchte ich unser Radioexperiment, dass wir über das Jahr 2021 hin im Leipziger Osten hin durchgeführt haben, als schizoanalytisches Radio- und Hörspielprojekt denken. Ausgehend vom "Anderen Tonstudio" des "Anderen Kunstverein eV" haben wir einer Vielzahl von Jugendlichen eine Anlaufstelle im Leipziger Osten geboten, um gemeinsam mit ihnen im Rahmen eines ästhetischen Prozesses über das klassenspezifische Sein hinauszugehen.