
مملوك 屑#3
In einem Café der Gegenwart sitzen Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen und erinnern sich. Ein Geschichtenerzähler beginnt die alte arabische Erzählung vom Mamluken Jaber: Um eine belagerte Stadt zu retten, lässt der junge Sklave sich einen geheimen Brief auf den rasierten Hinterkopf tätowieren, versteckt sich monatelang im Dunkeln, bis die Haare nachgewachsen sind, und riskiert dann sein Leben, um die Botschaft hinauszutragen. Während die Geschichte erzählt wird, überlagern sich Vergangenheit und Gegenwart. Persönliche Erinnerungen an Flucht über das Mittelmeer, an rassistische Gewalt in deutschen Schulen, an Dauerwellen in den 70ern, an Schlägereien mit Macheten und an den Geruch von Jasmin in Damaskus brechen unvermittelt ein. Der rasierte Kopf Jabers wird zum gemeinsamen Bild: Haut als Träger von Botschaften, die man nicht sofort lesen kann, die aber unter Gewalt und Zeit sichtbar werden. Unter der Oberfläche arbeitet das Stück mit Walter Benjamins Gedanken zur Übersetzung: Jede Erzählung ist eine riskante Übertragung, die das Original verändert, ergänzt, manchmal verrät. Die Teilnehmer*innen eines Workshops übersetzen nicht nur Wannous’ Text, sondern ihre eigenen Biografien in eine neue, kollektive Sprache aus Geräuschen, Rap, Schweigen und mehrsprachigen Fragmenten. Am Ende liegt ein echter, frisch rasierter Kopf im Raum – glatt, verletzlich, bereit, beschrieben zu werden. Die Geschichte von Jaber ist zu Ende, doch die Frage bleibt offen: Welche Botschaft tragen wir heute unsichtbar unter den Haaren, und wer wird sie eines Tages gewaltsam freilegen? Ein vielstimmiges, poetisch-politisches Hörspiel über Flucht, Übersetzung und die glatte Haut als letzte Leinwand der Geschichte.
In einer Serie von Workshops entstand in der Auseinandersetzung mit Hölderlins Ödipus-Übersetzung ein vierzigminütiges Hörspiel.



